ITER: Sonnenenergie auf der Erde

Auf dem Rückweg unserer Kursfahrt vom 18.05.-23.05.2026 machte unser Physik-Leistungskurs der Klasse 12 am 22.05. einen außergewöhnlichen Halt: Wir besuchten das Forschungszentrum von ITER – dem größten Kernfusionsreaktor der Welt – im südfranzösischen Cadarache.

Ankunft und Sicherheitseinweisung
Gegen 11 Uhr trafen wir auf dem weitläufigen ITER-Gelände ein. Noch bevor wir einen Schritt auf das eigentliche Forschungsgelände setzen durften, wurden wir mit Schutzkleidung ausgestattet – Warnwesten, Helme und festes Schuhwerk. Erst nach dieser Einweisung öffneten sich die Tore zu einem der ambitioniertesten Wissenschaftsprojekte der Menschheitsgeschichte.
Schon diese ersten Minuten machten deutlich: Hier ist man nicht Tourist, sondern Gast in einem aktiven Forschungszentrum, auf dem täglich Tausende von Ingenieuren, Technikern und Wissenschaftlern aus aller Welt arbeiten.

Was ist ITER überhaupt?
In einer Präsentation erhielten wir zunächst einen kompakten Überblick über das Projekt. ITER – lateinisch für „Weg“ oder „Reise“ – ist ein internationaler Versuchsreaktor, der die Kernfusion als Energiequelle nutzbar machen soll. Die Idee dahinter: dieselbe Energie, die in der Sonne brennt, auch auf der Erde zu kontrollieren. Bei der Kernfusion verschmelzen leichte Atomkerne – im Fall von ITER Deuterium und Tritium – zu Helium. Dabei wird enorme Energie freigesetzt, ganz ohne COz-Ausstoß und ohne das Risiko einer unkontrollierten Kettenreaktion. Die Fusion stoppt automatisch, wenn die Bedingungen nicht stimmen. Damit Fusion stattfinden kann, muss das Plasma auf über 150 Millionen Grad Celsius erhitzt werden – zehnmal heißer als das Innere der Sonne. Um es von den Reaktorwänden fernzuhalten, wird es durch gigantische Magnetfelder in der Schwebe gehalten. Dieses Prinzip nennt sich Tokamak.

Busrundfahrt über das Gelände

Nach der Einführung stiegen wir in einen Bus und fuhren über das weitläufig ITER-Areal. Was uns dabei am meisten beeindruckte: die schiere Größe des Projekts.
Gebäude für Gebäude wurde uns erklärt, was dort entsteht oder bereits fertiggestellt ist – Montagehallen, Kühlsysteme, Transformatoranlagen und natürlich das zentrale Tokamak-Gebäude, in dem eines Tages der Reaktor seinen Betrieb aufnehmen wird.
Besonders beeindruckend war der Hinweis, dass ITER das größte supraleitende Magnetsystem der Welt beherbergen wird. Die Magnetspulen müssen auf etwa -269 °C gekühlt werden – also nahe dem absoluten Nullpunkt – während wenige Meter entfernt das Plasma auf über 150 Millionen Grad erhitzt wird.
An einem einzigen Ort vereinen sich damit die heißeste und eine der kältesten Umgebungen, die jemals technisch realisiert wurden.

Besuch der Assembly Hall
Der absolute Höhepunkt der Führung war der Besuch der Assembly Hall – der riesigen Montagehalle, in der die einzelnen Komponenten des Reaktors zusammengebaut werden. Dort durften wir das noch im Aufbau befindliche Vakuumgefäß mit eigenen Augen sehen.
Das Vakuumgefäß allein hat einen Außendurchmesser von 19 Metern, ist 11 Meter hoch und wiegt rund 9.000 Tonnen. Es ist das Herzstück des Reaktors: Es schützt das Plasma vor Verunreinigungen – und die Außenwelt vor dem, was darin geschieht.

In der Assembly Hall: Man erkennt die Größendimensionen an dem riesigen gebogenen Magneten rechts im Hintergrund

Was wir mitgenommen haben
Die gut zwei bis drei Stunden auf dem ITER-Gelände haben unseren Physikunterricht auf eine Art lebendig gemacht, die kein Schulbuch ersetzen kann.
Konzepte wie Plasmaphysik, supraleitende Magnete oder der Energieverstärkungsfaktor Q sind plötzlich keine abstrakten Formeln mehr, sondern Teil eines realen, laufenden Projekts – und einer Hoffnung für die Energieversorgung der Zukunft.
ITER ist kein Kraftwerk und wird nie Strom ins Netz einspeisen. Es ist ein Experiment – aber das vielleicht wichtigste Experiment unserer Zeit.
Wenn es gelingt, einen Q-Faktor von mindestens 10 zu erreichen, also zehnmal mehr Energie aus der Fusion herauszuholen als hineingesteckt wird, wäre der Weg für kommerzielle Fusionskraftwerke geebnet.

Mia Reviol