Mit 15 von der Schulbank an die Flak


„Stellt euch vor, euer stellvertretender Schulleiter, Herr Engel, verkündet euch, dass heute euer vorerst letzter Schultag sei. Am Montagmorgen um 7 Uhr geht es mit ein wenig Gepäck vom Flughafen in Frankfurt in die Türkei zum NATO-Stützpunkt. Für uns damals war Ludwigshafen so weit entfernt wie für euch heute die Türkei“, so eröffnete Hermann Frech seine Vorstellung zu einem Film über seine Zeit als Flakhelfer, den er gemeinsam mit Schülern der 10ten Klassen am 30. April 2015 anschaute.
Hermann Frech aus Göcklingen wurde im Alter von 15 Jahren zusammen mit etwa 40 weiteren Mitschülern des Otto-Hahn-Gymnasiums in Landau an die Flugabwehrkanonen in Ludwigshafen abkommandiert. Nach eineinhalb Jahren wurde er – nach Schongau, Hannover und Brüx (im heutigen Tschechien) – schließlich zur Flakbatterie in Neukölln/Berlin versetzt, wo er im Mai 1945 in russische Gefangenschaft geriet. Während des beschwerlichen Fußmarsches nach Polen wurde der damals 17-Jährige entlassen und bescherte – nach weiteren sieben Monaten – mit seiner Rückkehr zwei Tage vor Weihnachten seiner Familie das schönste Weihnachtsgeschenk.
Unter der Leitung von Aleida Assmann, Professorin für Anglistik an der Universität Konstanz, entstand der Film „Anfang aus dem Ende – Die Flakhelfergeneration“, der die gemeinsame Geschichte dieser Generation aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Dieser Dokumentarfilm, ergänzt durch den persönlichen und anschaulichen Bericht des heute 87-jährigen Hermann Frech, lieferte den Schülern ein eindrucksvolles Bild von den Geschehnissen zur Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Flakhelfer

Die „persönliche Geschichtsstunde“ des ehemaligen Lehrers und Schulleiters stand unter den Vorzeichen des Comenius-Projektes zum Thema „Europäische Erinnerungskulturen“ und zeigte den heute 16-17-Jährigen eindrücklich, wie wichtig auch 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Wertschätzung des Friedens ist.
Hor, 5/15


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„Wer seine Geschichte nicht kennt, bleibt ewig ein Kind“

 
„Heute noch sind viele Menschen mit Schmerz erfüllt, wenn sie an den Denkmälern auf unserem Marktplatz vorbeilaufen, da viele ihrer Familienangehörigen Opfer der Deportationen während des zweiten Weltkriegs wurden“, sagt der litauische Schüler Žygimantas Marcinkus. Er ist einer der 25 Gäste aus Litauen, Polen, Norwegen und Frankreich. Gemeinsam mit etwa ebenso vielen deutschen Schülern des Gymnasiums im Alfred-Grosser-Schulzentrum Bad Bergzabern haben sie zwei Jahre lang am Comenius-Projekt „Europäische Erinnerungskulturen“ teilgenommen. In der Abschlusswoche Mitte April trafen sich alle noch einmal in Bad Bergzabern. „Man kann nichts ändern, jedoch sollten auch die düsteren Zeiten unserer gemeinsamen Geschichte nicht in Vergessenheit geraten, denn wer die Geschichte nicht kennt, bleibt ewig Kind“, ergänzt Emilė Paskočimaitė, ebenfalls aus Vilnius in Litauen. Beide debattierten in der Kreisverwaltung Südliche Weinstraße gemeinsam mit zwei deutschen Schülerinnen die Frage, ob auch politisch überkommene Denkmäler konserviert werden sollen.
Jede Nation hatte sich im Laufe des zweijährigen Projekts mit einem Teil ihrer Geschichte beschäftigt. In Deutschland hatten die Schüler zum Beispiel Ende 2013 Zeitzeugen zu den Umbrüchen 1945 und 1989 interviewt und die Ergebnisse in einem Buch zusammengestellt. In Frankreich ging es um 1945 und um den Algerienkrieg, in Norwegen um Immigrationsgeschichte und das Attentat von 2011 und in Litauen und Polen um den Umbruch 1989. Die Schüler setzen sich schreibend, theaterspielend, filmend und künstlerisch damit auseinander, wo in der Geschichte ihres Landes Brüche waren und wie ihre jeweiligen Kulturen sich daran erinnern.
Dass Vorurteile sich nicht bestätigten, zog sich wie ein roter Faden durch das Projekt. Benedikt Gubisch (18) und Patrick Luber (17) erlebten das, als sie im Rahmen des Projekts nach Norwegen reisten. Dort sei von nordischer Reserviertheit überhaupt nichts zu spüren gewesen. „Wir haben dort offene und freundliche Menschen kennengelernt“ erzählten sie. Sprache war dabei überraschend häufig kein Hindernis: Die siebzehnjährige Marie Jobard aus Dijon zum Beispiel sprach nahezu akzentfreies Deutsch. Sie war ihrerseits überrascht über die hervorragenden Deutschkenntnisse der Schüler aus Litauen und Polen. Die 17-jährige Irena aus Polen konnte ihre Sprachkenntnisse verbessern. „Mir macht das aktive Sprechen viel mehr Spaß als das trockene Auswendiglernen in der Schule“, sagte sie. Ihre 18-jährige Freundin Kasia aus Polen schreibt für ihre Schülerzeitung einen Artikel über Deutschland.
Eine der beteiligten Lehrerinnen, Marit Berger aus Norwegen, sagte, das Comeniusprojekt trage zur Völkerverständigung bei: „Meine Schüler konnten viel über ihnen eher unbekannte Lehrer wie Polen und Litauen und deren Geschichte lernen und dadurch mit Vorurteilen aufräumen.“
Und wenn die Worte fehlten, zum Beispiel als die Schüler Zeitzeugen über ihre Erlebnisse im zweiten Weltkrieg befragten, „sprechen die Bilder“, sagte Kunstlehrerin Annet Waßmer. Sie verarbeitete entsprechende Erfahrungen deshalb bildlich. Es wurde gestickt, fotografiert, gezeichnet und collagiert. Leitmotiv hierbei war stets die Selbstreflexion und das „Sich-in-die-Vergangenheit-Einfühlen-Wollen“. Hierbei beteiligten sich auch internationale Künstler aus den jeweiligen Ländern. Nikolaus Widerberg aus Norwegen stellte beispielsweise ein Gipsmodell seines Denkmals zur Verfügung. Auch Kunstkurse der Oberstufe des Alfred-Grosser-Gymnasiums arbeiteten mit. „Wir haben uns, unter der Leitung von Kunstlehrerin Stefanie Tuschner, mit Verfolgten im Nationalsozialismus beschäftigt. Hier stickten wir zum Beispiel Bilder dieser betroffener Menschen.“
Kunst war nur eine der vielen Facetten dieses Projekts. Während der Abschlusswoche gab es zum Beispiel noch einen Filmworkshop, in dem man mit dem Smartphone eigene Kurzfilme zusammenstellen konnte; unter der Leitung von Kunstlehrerin Stefanie Tuschner wurden improvisierte Pflastersteinprägungen von den Schülern gestaltet.
Die Schülerinnen und Schüler besuchten in der Abschlusswoche auch historische Orte: Speyerer Dom, Europaparlament, Hambacher Schloss und das ehemalige Konzentrationslager Osthofen bei Worms. Auf dem Hambacher Schloss posierten die Schüler zum Beispiel in Kostümen aus der Zeit des Hambacher Festes 1832. Während es dort um Demokratie und Freiheit gegangen war, mussten die Schülerinnen und Schüler in Osthofen erfahren, dass die deutsche Geschichte auch dunkle Seiten hatte. Eine der betreuenden Lehrerinnen, Annette Kliewer, erzählte den Schülern dort, dass es in diesem sogenannten „Umerziehungslager“ als besondere Foltermethode auch Fleisch zu essen gab – und zwar Schweinefleisch für die jüdischen Häftlinge an deren Feiertagen. So sollte Neid und Streit zwischen den Häftlingen provoziert werden.

Comenius Hambach

Mit der Gegenwart der europäischen Einigung beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler bei einem Besuch im europäischen Parlament in Straßburg. Dort sagten alle, sie fühlten sich als Teil der europäischen Union und seien als junge Generation auch verantwortlich für die Zukunft der EU, so wie Louise-Adélaide Boisnard aus Dijon in Frankreich. Das Reisen und die Kommunikation, auch mit Menschen aus anderen Kulturen“ bestärkten sie darin, später einmal als Journalistin zu arbeiten. „Vor allem hatte ich hier die Möglichkeit, mal die polnische und litauische Kultur kennenzulernen“, sagte sie.
Das Comeniusprojekt
Das Projekt wurde von der Europäischen Union gefördert. Folgende Lehrer und Lehrerinnen des Gymnasiums Bad Bergzabern waren beteiligt: Annette Kliewer, Eleonore Beinghaus, Elke Neumann (die sogar bis über ihre Pensionierung hinaus mitarbeitete), Stefan Bingler, Sascha Müller, Annett Waßmer und Ralf Weiser. Sie trafen sich einmal im Monat in einer Arbeitsgemeinschaft mit 24 Schülerinnen und Schülern und investierten viel freie Zeit.

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Comenius-Abschlussabend in der Aula des Schulzentrums


Knapp zweieinhalb Stunden präsentierten die 46 Schülerinnen und Schüler aus den fünf Nationen (Frankreich, Litauen, Norwegen, Polen und dem Gastgeberland Deutschland) auf Bühne und Leinwand der Aula des Bad Bergzaberner Schulzentrums, was sie in den vergangenen 13 Monaten gemeinsam mit ihren Lehrkräften erarbeitet hatten: ein ebenso vielfältiges wie beeindruckendes Programm.

Nach dem auf Europa einstimmenden  Prélude aus dem „Te deum“ von Marc  Antoine Charpentier – gemeinhin als Eurovisionsmelodie bekannt –  intoniert durch das Streichensemble des  Gymnasiums unter der Leitung von Bärbel Rohde, fand der stellvertretende Schulleiter, Jörg Engel, lobende Dankesworte für das nun endende Projekt „Europäische Erinnerungskulturen“ am Gymnasium Bad Bergzabern und würdigte dabei vor allem das Interesse und die Leistungen der Schüler und Schülerinnen.

Dr. Annette Kliewer, die das Projekt vor zwei Jahren am Gymnasium des Alfred Grosser Schulzentrums initiiert hatte, wies in ihrer Ansprache auf die Bedeutsamkeit der  Erinnerungskultur hin und freute sich, unter den anwesenden Schülern, Eltern, Kollegen und  interessierten Gästen auch einige der eingeladenen deutschen Zeitzeugen, wie z. B. den 92-jährigen Gustav Eck aus Dierbach, persönlich begrüßen zu können. Eine Zeitzeugin aus dem benachbarten Wissembourg habe ihr bedauernd gesagt, dass sie nicht kommen könne, aber im Herzen an diesem Abend dabei sei, ergänzte Kliewer.

Den Reigen der fünf Präsentationsblöcke eröffnete Gazali Tumenci aus Norwegen, die dem Klavier einen melancholischen Fluss von Tönen entlockte und damit zum  traurigen Thema  des Attentats von 2011 in Utøya überleitete, das mit einem Lied und Bildern erinnert und durch ein Filminterview mit einem ehemaligen Schüler der Partnerschule in Møglestu/Lillesand, der dieses selbst miterlebt hat, abgeschlossen wurde.
Einem anderen geschichtlichen Ereignis widmeten sich die SchülerInnen aus Wadovice/Polen: der Solidarnosc-Bewegung und dem damit verbundenen Umbruch im Jahr 1989. Das Abschlagen der Fesseln der Unfreiheit wurde in einer beeindruckenden Choreographie durch eine Schülerin zum Ausdruck gebracht. Der nachfolgende Film thematisierte durch einen Mix aus historischen Aufnahmen und nachgestellten Szenen ebenfalls diese Bewegung als Keimzelle der heutigen Demokratie in Polen.

Die deutschen SchülerInnen hatten ausgehend von verschiedenen Zeitzeugeninterviews zum Kriegsende selbst literarische Texte verfasst, die sie ausdrucksstark zu Gehör brachten.  „Das ging unter die Haut, ich glaube, das sollten viel mehr Menschen in Bergzabern sehen und hören“, kommentierte die Zeitzeugin Hedwig Keßler ihre Sicht auf die Darstellung ihrer persönlichen Geschichte, welche die deutschen SchülerInnen im Anschluss  in vier Filmszenen künstlerisch verarbeitet hatten.

Auch die litauischen SchülerInnen widmeten sich dem Umbruch von 1989 in einem Medley aus Musik, Tanz und Theater, hier zeigten sich die vielfältigen Begabungen dieser Schülergruppe.  Der Stolz auf die nationale Unabhängigkeit durchzog auch den Film, dem die Schülerin Emilė Paskočimaitė ihre Stimme in tadellosem Deutsch verlieh.

Mit Theaterszenen zum Schicksal der großen französischen Politikerin Simone Veil, deren Eltern bei der Deportation durch die deutschen Nazis ermordet wurden und die selbst das KZ Auschwitz überlebte, bewiesen die SchülerInnen aus Dijon/Frankreich nicht nur großes Einfühlungsvermögen in die Figuren, sondern vor allem ihr sprachlich herausragendes Können, denn diese Szenen wurden auf Deutsch gespielt. Auch im Film  wird der Umgang von Jugendlichen mit Erinnerung lebendig: „Das Medaillon“, so der Titel,  zeigt, wie ein junges Mädchen sich auf Spurensuche begibt.

Comenius K 1 Klein

Französische Schüler aus Dijon  beim Theaterspiel, Foto: A. Waßmer

Nachdem alle beteiligten fünf Schülergruppen die europäischen Auf- und Umbrüche exemplarisch für ihr Land zur Darstellung gebracht hatten, setzte Tomas Augustas Daugvila aus Litauen  mit der Fantasie pastorale hongroise von Albert Franz Doppler einen virtuosen Schlussstrich auf der Querflöte.

Comenius K 2
Abschluss durch Tomas Augustas Daugvila, Litauen gemeinsam mit der litauischen Schülergruppe, Foto: Lena Scheib

Viel Beifall fügte sich an für dieses überraschend anspruchsvolle Programm.

BEI, 4/15


 

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Kunstausstellung des Comenius-Projekts „Europäische Erinnerungen“ im Kreishaus SÜW eröffnet

Bei der Eröffnung am Donnerstag, den 16.April 2015 unterstrich Frau Riedmaier die Bedeutung der Erinnerungsarbeit, die 70 Jahre nach Beendigung des 2. Weltkriegs in Europa geleistet wurde. Dabei betonte sie, dass die Aufarbeitung der Geschichte auch für die junge Generation wichtig sei, denn nur wer seine Geschichte kenne, könne sich auf die gemeinsame Zukunft vorbereiten. Nach einer Begrüßung durch den Schulleiter, Herrn Philipp Gerlach, umriss Frau Dr. Annette Kliewer die Problematik des Projekts: Für die fünf Nationen sind unterschiedliche Punkte in ihrer nationalen Erinnerung wichtig: Während die Deutschen die Umbruchssituationen 1945 und 1989 thematisieren, ist für die Franzosen auch das Ende der Kolonialzeit von Bedeutung. Polen und Litauen setzen den Schwerpunkt auf die Befreiung vom Stalinismus und der russischen Fremdherrschaft. Die Norweger schließlich zeigen, dass wir im „Haus Europa“ nicht mehr unter uns sind, sondern auch die Erinnerungskulturen der Immigranten aus der ganzen Welt einbeziehen müssen und sie erinnern an das schreckliche Attentat von Utøya, bei dem 69 junge Menschen getötet wurden. Dass die Schüler des Comenius-Projekts in den vergangenen 18 Monaten zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen sind, zeigt nicht nur ihre Ausstellung, sondern das spürte man auch bei den musikalischen Beiträgen des Abends: Hier musizierten Schülerinnen aus Norwegen, Frankreich und Deutschland gemeinsam.

Die Kunstlehrerin Annet Waßmer führte in die Ausstellung ein, indem sie knapp auf Besonderheiten der vielfältigen Werke hinwies, die bis zum 5. Mai im Kreishaus zu sehen sind. Neben den Arbeiten von Schülern aus dem Comenius-Projekt aller fünf Länder sind dort auch solche von Schülern aus anderen Kunstkursen des Bergzaberner Gymnasiums zu bestaunen. Collagen zur Geschichte Deutschlands, Polens, Frankreichs, Norwegens und Litauens, die bei dem Treffen in Vilnius im Februar 2014 zusammengestellt wurden, zeigen eindrücklich, wie sich die Schüler mit der Geschichte der Partnerländer beschäftigt haben. Gipsmasken aus dem Kunst-Workshop von Frau Waßmer sind beklebt mit Erinnerungen an die persönliche Geschichte der Schüler. Stefanie Tuschner ließ ihre Schüler in gestickten Bildern ausdrücken, welche Erinnerungen Menschen wohl haben könnten, von denen sie außer Fotos und Lebensdaten nichts wissen. In großflächigen Monographien werden historisch bedeutsame Bilder von Schülern des Kunstlehrers Franz Leschinger präsentiert. Feine Zeichnungen von litauischen Schülern verweisen auf die leidvolle Geschichte ihres Landes. Die Partner aus Norwegen greifen die Diskussion um das Natur-Denkmal in Erinnerung an das Attentat von Utøya im Jahr 2011 auf, die Franzosen zeigen historische Darstellungen ihrer Stadt Dijon, die Polen schließlich reflektieren mit einem interaktiven Puzzle die gemeinsame Arbeit im Projekt.
Nach der Eröffnung der Ausstellung wurde das Thema „Erinnerungskulturen“ noch auf eine andere Weise lebendig: In einer Debatte, die im „Jugend-debattiert“ – Format durchgeführt wurde, sprachen litauische und deutsche Schülerinnen und Schüler über das Thema „Sollen politisch überkommene Denkmäler konserviert werden?“, eine Frage, die in beiden Ländern aktuell ist. Auf der Pro-Seite betonten der litauische Schüler Žygimantas Marcinkus und die deutsche Schülerin Stefanie Müller, dass Denkmäler zu der Geschichte eines Landes gehören und man diese daher nicht einfach „abreißen“ könne, ja dass nur durch die direkte Begegnung mit diesen Denkmälern auch die problematischen Seiten der Erinnerungskultur bewahrt werden können. Auf der Contra-Seite hielten die Litauerin Emilė Paskočimaitė und die Deutsche Romy Hoffart dagegen, dass dies hohe Kosten mit sich bringe und man gar nicht sicher sei, ob diese Denkmäler nicht auch von denen missbraucht werden könnten, die die alten politischen Strukturen wiederaufleben lassen möchten. Die deutsche Lehrerin Eleonore Beinghaus, die zusammen mit der litauischen Lehrerin Danute Sirkute das Thema mit den Schülern vorbereitet hatte, lobte die engagierte Debatte der vier Schüler und hob die herausragende Leistung der litauischen Schüler hervor, mussten sie doch komplexe Zusammenhänge in einer Fremdsprache entwickeln. Der Beifall der Zuschauer würdigte abschließend diese besondere Schülerleistung.

BEI, 4/15



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Nachruf für Martin Blume

 

Noch gestern
Der Frühling ist wie ein Herbst,
ein Abschiednehmen
von allem was kommt.

Hilde Domin

Martin Blume

Es war ein kurzes Kennenlernen, gefolgt von einem allzu schnellen Abschied. Trauer und Dankbarkeit durchdringen sich, wenn wir an Martin Blume denken.

Erst kurz vor seinem unerwarteten Tod hat er unsere Schule besucht, hat seinen Blick auf die Erinnerung an Auschwitz mit uns geteilt und dabei angesichts des Schreckens doch so viel Mut gemacht. Wer ihn auch nur flüchtig kannte, wie wir, staunte darüber, wie er so schnell mit seinen Bildern, aber vor allem mit seinem offenen Herzen das ansprach, was in uns Menschen ist; wie er es in der ach so kurzen Zeit schaffte, das anzurühren.

All das – seine Bilder und sein  leises Auftreten – werden wir Schüler und Lehrer des Comenius-Projektes nicht vergessen. Vor allem aber wird uns seine noble Geste, uns seine Zeit zu schenken, in Erinnerung bleiben.


Comenius – Projekt „Erinnerungskulturen“

am Alfred-Grosser-Gymnasium Bad Bergzabern

MartinBlumeComeniusFoto: © Christian Martischius
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Comenius-Treffen in Dijon

Das Wochenende verbrachten wir in unseren Gastfamilien, die für uns ein Tagesprogramm am Sonntag vorbereitet hatten. Einige Franzosen mit ihren jeweiligen Gastschülern trafen sich zum Beispiel zum Radfahren am nahegelegenen See.
 
Montags sahen wir dann zum ersten Mal all die Schüler der anderen Länder und die französischen Schüler boten uns außer Croissants auch eine sehr schöne Eröffnung mit Tänzen, Musik und Videos, die die Vorurteile über die verschiedenen Länder zeigten.

Neben einer wirklich anspruchsvollen Stadtrallye mit 50 Aufgaben, die wir in international gemischten Gruppen machten, besichtigten wir unter anderem auch das Auditorium (das ist die neue Oper) von Dijon, eine Gedenkstätte zu Ehren von Charles de Gaulle in Colombey-les-Deux-Églises, ein Verkaufsgeschäft von „Maille“, dem bekannten Senf, und eines zu den typischen Lebkuchen aus Dijon, und wir stiegen auf den Turm von „Philippe le Bon“, einem der burgundischen Herzöge, von dem aus man einen tollen Blick über die ganze Stadt hatte. In dem zweitägigen Theaterworkshop, bei dem wir in zwei international gemischte Gruppen aufgeteilt waren, arbeiteten wir am schauspielerischen Darstellen von Auszügen aus den Zeitzeugen-Interviews der verschiedenen Länder, die in einem Reader für alle vorlagen. Am Ende des Workshops stellten sich die Gruppen ihre „Theaterstücke“ gegenseitig vor, und alle waren gespannt zu sehen, was die andere Gruppe denn erarbeitet hatte.

Dijon 14

Im Großen und Ganzen war es eine Woche, die wir alle nicht so schnell vergessen werden. Jeder hat Kontakte und Freundschaften mit den Schülern der verschiedenen Länder geknüpft und vielleicht sogar schon über das nächste Treffen gesprochen, das im April in Bad Bergzabern stattfinden wird. Da wir uns alle so gut miteinander verstanden hatten, fiel uns allen der Abschied nach diesen fünf Tagen sehr schwer.
Lena Himpel (MSS 11)/KLI, 11/14

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„Erst ab minus 31 Grad mussten wir nicht mehr raus“

218 Seiten stark ist der Interviewband mit 36 Zeitzeugen, die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums im Alfred-Grosser-Schulzentrum seit 2013 zum Ende des Zweiten Weltkriegs und zur Wende 1989 befragten. Außerdem stellten sie am Dienstag, dem 24.9., im Schloss Bad Bergzabern Kunstprojekte zu diesen Themen vor. Die Arbeit ist Teil eines europäischen Comeniusprojekts, an dem auch Schüler aus Litauen, Polen (Umbruch 1989), Frankreich (1945 und Algerienkrieg) sowie Norwegen (Immigrationsgeschichte und Attentat von 2011) teilnehmen. 

„Erst bei unter minus 30 Grad mussten wir nicht mehr draußen arbeiten”, sagt der heute 91-jährige Gustav Eck aus Dierbach. Er war nach drei Jahren an der Ostfront von 1945 bis 1949 in russischer Kriegsgefangenschaft. Die sei schlimmer als der Krieg selbst gewesen: „Hunger, Kälte, Misshandlungen, Gefängnis, Verhöre” habe er dort erlebt. Gustav Eck ist einer der 36 Zeitzeugen, die von Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums im Alfred-Grosser-Schulzentrum im Rahmen eines europäischen Comenius-Projekts befragt wurden. An diesem Dienstagnachmittag präsentieren sie das Ergebnis: Einen 218 Seiten starken Reader mit den Interviews sowie Kunstwerke, die in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit entstanden sind.

Professor Alfred Grosser,  Namensgeber des Schulzentrums Bad Bergzabern, hat sich sein Leben lang für die europäische Verständigung eingesetzt. „Können nicht zuerst die Schüler was sagen?” ist seine erste Äußerung; „ich spreche in einem von Frankreich zerstörten Gebäude”, sagt der 89-Jährige dann über das Bergzaberner Schloss. Er selbst floh mit seiner Familie 1933 aus Frankfurt und ist seitdem auch Franzose. Anschließend erzählt er sowohl vom französischen Algerienkrieg als auch davon, dass junge Deutsche oft „unwissend zur Hitlerjugend” kamen. So wirbt er für europäische Verständigung. Dazu passe auch der Reader der Schüler. „Sie müssen es lesen, um zu sehen, wie heute Jugendliche sehen, was Jugendliche damals erlebt haben”, fordert Alfred Grosser die zahlreichen Zuhörer im Bürgerbüro des Schlosses Bad Bergzabern auf.

„Jedes Trauma, das man nicht in Worte fasst, kommt eines Tages wieder zurück und kann verheerende Folgen haben”, habe einer der Zeitzeugen gesagt, erzählt eine der betreuenden Lehrerinnen, Annette Kliewer vom Gymnasium im Alfred-Grosser-Schulzentrum. Deshalb hätten die Schülerinnen und Schüler aus Bad Bergzabern gemeinsam mit Norwegern, Litauern, Polen und Franzosen erforscht, wie die Nationen mit ihrer Vergangenheit umgehen. In jedem Land haben eigene Themen im Mittelpunkt gestanden. In Litauen und Polen die Wende 1989, in Frankreich 1945 und der Algerienkrieg, in Norwegen die Immigrationsgeschichte und das Attentat von 2011 und in Deutschland die Wende 1989. Bei der Veranstaltung im Schloss teilten die Schülerinnen und Schüler „ihren“ Zeitzeugen den Reader mit den Interviews aus. Verbandsgemeindebürgermeister Hermann Bohrer (SPD) begrüßte als Gastgeber die Schüler, Zeitzeugen aus dem Elsass und der Südpfalz und die Lehrer sowie Professor Grosser. Er freue sich, dass die Schülerinnen und Schüler sich mit zwei einschneidenden Ereignissen im vergangenen Jahrhundert beschäftigt haben, indem sie Menschen befragten, die dabei waren, so Hermann Bohrer. Seit 2013 haben alle Beteiligten lange Gespräche mit den Zeitzeugen geführt und in mühseliger Kleinarbeit aufgeschrieben. Danach erstellten sie aus Kernszenen und -themen der Interviews künstlerische Umsetzungen. Hier waren sie einfühlsam und kreativ, etwa, wenn eine Decke über die traumatisierenden Erinnerungen eines Zeitzeugen gehängt wurde, wenn für eine 93-jährige Zeitzeugin eine Facebook-Seite geöffnet wird, wenn eine Collage von Familienfotos für das bewegte Leben einer Elsässerin steht. Auf künstlerischem Weg wurde so das Gespräch zwischen den Generationen fortgeführt.

Die Erkenntnis, dass das Schweigen zwischen den Generationen überwunden werden kann, war für Projektleiterin Dr. Annette Kliewer der wichtigste Ausgangspunkt dafür, das Projekt zu initiieren: „Das Schweigen über das Vergangene verletzt. Es verletzt einzelne Menschen, die nicht wahrgenommen werden, deren Schicksal vergessen wird. Und es verletzt die anderen, die die Vergangenheit übergehen und nicht aus ihr lernen können.“

„Ich bin froh, dass sich die jungen Leute dafür interessieren“, so Gustav Eck, der ehemalige russische Kriegsgefangene. Seine Enkelin Julia Steegmüller aus Landau kennt die Geschichten auch und sagt, ihr Großvater sei damals im gleichen Alter gewesen wie die Schüler heute. „Gegen seine Erlebnisse haben wir heute nur Luxusprobleme“, sagt die Lehramtsstudentin aus Landau. Ihr Großvater schmunzelt. „Wenn ich an unseren Hunger denke, das kann man kaum vermitteln, wie das war“, sagt er. An medizinischer Ausrüstung für die unterernährten, von Wanzen malträtierten, durchgefrorenen Gefangenen habe es nur ein Fieberthermometer gegeben. „Viele sind verstorben“, sagt Gustav Eck. Ihn habe sein Glauben am Leben erhalten. Seit er wieder nach Hause kam, gebe es keine Beschwerden mehr: „Wenn Sie keinen Stacheldraht mehr um sich haben, wenn sie frei laufen können, ohne an andere Gefangene angekettet zu sein, ist jeder Tag ein Geschenk“. Nur auf einer Sache bestehe er, sagt Gustav Ecks Enkelin: „Beim Opa wird nix weggeschmissen – selbst abgelaufene Lebensmittel.“ 

Bei anderen hat der Krieg sogar für eine Versöhnung mit dem ehemaligen „Feind“ gesorgt: Anna Bingler aus Bad Bergzabern, eine der Schülerinnen, die bei dem Projekt mitgemacht haben, erzählt, dass „ihr“ Zeitzeuge  – der Franzose  Josef Ehrmann (geboren 1937 im Elsass) – sich seit Kriegsende für die deutsch-französische Freundschaft einsetzt. „Er ist nach dem Abitur durch Deutschland getrampt und habe gemerkt, dass es auch vernünftige Deutsche gebe“, erzählt Anna Bingler fasziniert. Er habe sogar eine Deutsche geheiratet. Josef Ehrmann steht daneben und schmunzelt. Er habe dann unter anderem Deutsch studiert, um zu unterrichten. „Beim Studium in Marburg habe ich dann meine deutsche Frau kennengelernt – das fand mein französischer Vater allerdings gar nicht gut“, erzählt Josef Ehrmann weiter. Seine Frau, die lange Lehrerin am Gymnasium in Bad Bergzabern war, lächelt. 

COMENIUS 1

(Fotograf Lars Oberhofer, Schüler der Foto-AG): von links: Stefanie Müller (Schüler), Max Berger (Schüler), Alfred Grosser, Larissa Rohde (Schüler), Jana Hitziger (Schüler), Benedikt Gubisch (Schüler), Johanna Ginzer (Schüler), Josef Ehrmann und Gattin (Zeitzeugen)

COMENIUS 2

(Fotograf Stefan Bingler, Lehrer Gymnasium): Von links: Verbandsgemeindebürgermeister Hermann Bohrer, Alfred Grosser, Mme Grosser, Schulleiter des Gymnasium Philipp Gerlach, Annette Kliewer, eine der Leiterinnen des Projekts

COMENIUS 3

(Foto Stefan Bingler): Eleonore Beinghaus, eine der Lehrerinnen, die das Projekt betreut, mit Zeitzeuge Gustav Eck, Jahrgang 1925, der den Schülern von seiner Kriegsgefangenschaft in Russland erzählte

COMENIUS 4
(Foto: Stefan Bingler): von links: Stefanie Müller, Max Berger, Alfred Grosser, Jana Hitziger, Johanna Ginzer sowie das Ehepaar Ehrmann (Zeitzeugen für die deutsch-französische Verständigung)

COMENIUS 5
(Stefan Bingler): von links: Frau Ehrmann und Josef Ehrmann (Jahrgang 1937, Elsässer, heiratete eine Deutsche und setzte sich als Franzose für die dt.-frz. Verständigung ein

Das Comenius-Projekt

Im Comenius-Projekt „Europäische Erinnerungskulturen. Umbrüche und Aufbrüche in Gesellschaften und Biographien“ beschäftigen sich Schülerinnen und Schüler aus Wadowice (Polen), Vilnius (Litauen), Lillesand (Norwegen), Dijon (Frankreich) und Bad Bergzabern damit, wie eine Gesellschaft mit den für sie wichtigen Erfahrungen umgeht. Die Bergzaberner Schüler haben zum  Beispiel Zeitzeugen zu den Umbrüchen 1945 und 1989 interviewt und die Ergebnisse in einem Buch zusammengestellt. In Frankreich geht es um 1945 und um den Algerienkrieg, in Norwegen um Immigrationsgeschichte und das Attentat von 2011 und in Litauen und Polen um den Umbruch 1989. Die Schüler setzen sich nun schreibend, theaterspielend, filmend und künstlerisch damit auseinander, wo in der Geschichte ihres Landes Brüche waren und wie ihre jeweiligen Kulturen sich daran erinnern. Das Projekt läuft seit 2013 und endet mit einer Abschlusswoche mit allen Partnern ab 13. April 2015. Es wird von der Europäischen Union bezahlt. Folgende Lehrer und Lehrerinnen des Gymnasiums Bad Bergzabern sind beteiligt: Annette Kliewer, Eleonore Beinghaus, Stefan Bingler, Sascha Müller, Elke Neumann, Verena Rolfes, Annett Waßmer und Ralf Weiser. Sie treffen sich einmal im Monat in einer Arbeitsgemeinschaft mit 23 Schülerinnen und Schülern.

VOL/KLI, 9/14

Mittagessen mit den Revolutionären


Zum Thema „Sechziger Jahre“ war am 16.07.2014 als Zeitzeuge der Universitätsprofessor Hans Hattenhauer zu Besuch im Geschichtsunterricht der Klasse 10d des Gymnasiums am Alfred-Grosser-Schulzentrum.  Die Schüler der Klasse hatten sich zuvor zwei Geschichtsstunden lang unter Anleitung ihres Geschichtslehrers Christian Irsfeld in Expertengruppen auf das Zeitzeugengespräch vorbereitet.

Ein Thema, das wohl jedem in den Kopf kommt, wenn er an diese Zeit denkt, ist der Mauerbau. Professor Hattenhauer erzählte, dass er davon auf einer Englandreise erfahren hatte. Auch wenn er selbst keine Verwandten im Ostteil Deutschlands hatte, kam er später als Professor an der Universität Kiel doch mit Studenten in Kontakt, die aus der DDR geflohen waren. Er sah den Mauerbau sehr kritisch, und bezeichnete sich selbst als Antikommunisten, denn er möchte sich nicht vorschreiben lassen welche Bücher er zu lesen hat, welchen Radiosender er hören darf und welchen nicht.

Vor allem zum Thema 68er-Bewegung stellten die Schüler sehr viele Fragen. Sie waren besonders daran interessiert, ob und wie er als Professor mit Studenten, die dieser Bewegung angehörten, umging. Er erzählte zuerst, dass er die Zeit davor nicht als verstaubt angesehen hatte, und sogar fand, dass sich die Welt für ihn in den Fünfziger-Jahren geöffnet hatte. Obwohl sie aus grundverschiedenen politischen Lagern kamen, hatte der Professor eine recht freundschaftliche Bindung zu einem seiner Studenten, der einer der Anführer der 1968er-Bewegung war. Dieser stürmte oft in das Auditorium und störte die Vorlesungen des Professors. Um dem ein Ende zu setzen lud Professor Hattenhauer ihn zum Mittagessen ein, im festen Glauben, dass dieser nicht kommen würde. Dies war nicht der Fall und die beiden hatten letztendlich sehr oft miteinander zu tun. Allerdings gab der Student dann keine Doktorarbeit bei ihm ab, um sich in seinem politischen Lager nicht selbst zu ruinieren.

Das Zeitzeugengespräch war eine besondere Erfahrung, insbesondere weil das Thema viel Interesse geweckt hatte. Diese Abwechslung im Unterricht wurde von den Schülern sehr positiv aufgenommen, da das Gespräch ein beeindruckendes Beispiel dafür war, dass Geschichte lebendig ist.

Xenia Y. Zimmermann (10d), VOL, 7/14
Anmerkung:

Prof. em. Dr. iur. Hans Hattenhauer (*1931) lehrte Bürgerliches Recht und Europäische Rechtsgeschichte an der Christian-Albrechts-Universität Kiel, deren Rektor er in den 1970er Jahren war. Er wurde unter anderem mit dem Deutschen Sprachpreis und der Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion ausgezeichnet.


Comenius-Gruppe besucht die Oper „Die Passagierin“

Unsere Arbeit im Projekt ist derzeit von Zeitzeugeninterviews geprägt, wir befragen Menschen, die z.B. einen Umbruch wie 1945 selbst erlebt haben. Ihre Erinnerung lassen wir uns erzählen, um daran in verschiedenen Formen weiter zu arbeiten.

Aber in unserem Fall war das Stichwort Erinnerung genau das Thema der Oper und so besuchte die Comenius-Gruppe am 13.05.14 eine Opernaufführung des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Das Stück trägt den Namen „Die Passagierin“ und beschäftigt sich mit dem Leben einer Gefangenen im Konzentrationslager Auschwitz sowie mit einer Aufseherin in eben jenem Lager. Es basiert dabei auf einem autobiographischen Roman von Zofia Posmysz und wurde von Mieczysław Weinberg dann als Oper adaptiert. Das Stück spielt zunächst auf einem Schiff, wo sich beide Frauen während einer Schiffspassage nach Brasilien wieder begegnen. Dann – als Erinnerung – wird die Handlung in Auschwitz, also in einem Konzentrationslager, eingeblendet. Das Bühnenbild war aber sehr minimalistisch und so wurden die Schauplätze nur durch ein, zwei Bühnenelemente und durch Lichteffekte angedeutet. Dies war angesichts des Themas aber angemessen, da man so nicht von der Handlung abgelenkt wurde. Außerdem hätte das Stück durch ein spektakuläres Bühnenbild ja auch einen allgemein spektakulären Charakter bekommen, was die Absicht des Stückes, eine dramatische Beziehung der beiden Frauen zueinander darzustellen, nicht nur verfälscht, sondern gar verfehlt hätte. Auch die Musik war wie das Bühnenbild etwas anders als zum Beispiel bei einer Oper von Puccini. Während bei „Tosca“ zum Beispiel die Orchestermusik von der Lautstärke gleichrangig mit der des Opernsängers ist, ist die Orchestrierung dieser Komposition meistens etwas leiser, hält sich im Hintergrund. Die Musik ist mitunter auch weniger harmonisch und melodisch komponiert, obwohl es auch einige lyrische Passagen gibt. Sie wurde dem Thema der Oper angepasst und spiegelt es so wider. Das Sängerensemble beeindruckte uns durch seine Stimmkraft und Vielfältigkeit, interessant war dabei auch, dass die Sänger in den jeweiligen Sprachen der Häftlinge (Polnisch, Jiddisch, Französisch und Russisch) sangen, die Aufseher und KZ-Schergen dagegen auf Deutsch.

Für viele der Schüler war dies ihr erster Opernbesuch, was zunächst die Befürchtung bei den Lehrern weckte, dass die Schüler wegen des schweren Themas eher abgeschreckt werden und die Oper in Zukunft  meiden könnten. Wie sich aber herausstellte, waren die Schüler ergriffen und sehr angetan von der Oper. Einige können sich vorstellen, nun auch mal privat in die Oper zu gehen. Das Projekt bietet somit die Möglichkeit, neue Bereiche zu entdecken, die vielleicht nicht der typischen Freizeitgestaltung eines Jugendlichen entsprechen. Eine große Ehre war aber, dass wir nicht nur die Oper für uns entdecken konnten, sondern es uns ermöglicht wurde, mit dem Dramaturg Bernd Feuchtner und dem Regisseur Holger Müller-Brandes des Stücks zu sprechen. Auf Einladung von Frau Beinghaus kamen die beiden zwei Tage nach dem Beuch der Aufführung, am 15.05., an unsere Schule und haben mit uns über das Stück und die Inszenierung gesprochen. Die Schüler und Lehrer konnten in erster Linie Fragen zum Stück stellen. So konnten Eindrücke, aber auch Unklarheiten direkt mit dem Dramaturgen und dem Regisseur besprochen werden. Diese Chance ergibt  sich wohl nicht oft und so war es umso interessanter, nicht nur in die Oper zu gehen und das Stück für sich zu verarbeiten, sondern die Absichten hinter den einzelnen Elementen zu erfragen und so das Stück besser nachzuvollziehen. Der Regisseur hat uns auch Vieles über die Komposition erklärt, über wiederkehrende Motive (Leitmotive) und die ihnen zugeordneten Akkorde, die die jeweiligen Figuren entsprechend charakterisieren. Das hatten wir alle nicht so wirklich erkannt, aber jetzt wurde uns aufgezeigt, welche Aspekte einem noch geöffnet werden können, wenn man sich intensiv mit einer Oper auseinandersetzt.
Operngespräch1 Bi
Regisseur Holger Müller-Brandes und Dramaturg Bernd Feuchtner zum Operngespräch in der Schule

Oper Schüler Bi

Schüler im Operngespräch

Das Comenius-Projekt bot den Teilnehmern somit die Möglichkeit, Auseinandersetzung mit Erinnerung und Geschichte auf eine ganz ungewöhnliche Weise zu erfahren. Und jetzt geht es hoffentlich noch weiter. Weil nämlich die heute bald 90-Jährige Zofia Posmysz in polen lebt, möchten wir sie unterstützt durch unsere polnischen Partner in Wadowice interviewen. Das wird bestimmt ein ganz besonderes Zeitzeugeninterview.

Steffi Müller, BEI 7/14