{"id":4336,"date":"2016-07-10T06:21:16","date_gmt":"2016-07-10T04:21:16","guid":{"rendered":"http:\/\/schulebza.de\/gymnasiumneu\/2016\/07\/10\/meine-deine-unsere-niere\/"},"modified":"2016-07-10T06:21:16","modified_gmt":"2016-07-10T04:21:16","slug":"meine-deine-unsere-niere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/2016\/07\/10\/meine-deine-unsere-niere\/","title":{"rendered":"\u201eMeine, deine, unsere Niere&#8220;"},"content":{"rendered":"<p> <\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\"><em>Im Rahmen des Evang. Religionsunterrichts hatte der Grundkurs 12 von Hrn. Dr. Mei\u00dfner ein Halbjahr das Schwerpunktthema Bio- und Medizinethik beackert. Gegen Ende des Schuljahres diskutierten die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler verschiedenste Aspekte der Organtransplantation. In diesem Rahmen hatten sie auch Besuch von einer Betroffenen: einer Altenpflegerin aus der Region, die ihrem Neffen eine Niere gespendet hat. \u00dcber das Gespr\u00e4ch mit der Frau, deren Name anonym bleiben soll, berichtet Michel Semar:<\/em><\/p>\n<p><\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\">Beim Thema Organspende werden viele Menschen schnell misstrauisch. Dies ist nicht zuletzt den vielen Skandalen der letzten Jahre geschuldet, welche die \u00f6ffentliche Meinung zum Teil tief ersch\u00fcttert haben. In mehreren F\u00e4llen haben \u00c4rzte die Untersuchungsergebnisse ihrer Patienten gef\u00e4lscht, um ihnen so auf illegale Weise einen besseren Platz auf der Warteliste zu erschleichen. Es gibt allerdings noch eine andere M\u00f6glichkeit, ein Organ zu spenden, beziehungsweise ein solches zu erhalten, \u00fcber die viele B\u00fcrger gar nicht Bescheid wissen: Die sogenannte Lebendspende.<\/p>\n<p><\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\">Bei dieser Art der Organtransplantation werden nicht-lebenswichtige Organe, beispielsweise eine Niere, aus dem K\u00f6rper des lebendigen Spenders entnommen und dem Empf\u00e4nger direkt eingepflanzt. Dabei sind die Erfolgsaussichten im Vergleich zur Totspende sehr viel gr\u00f6\u00dfer. \u00dcber 80% der verpflanzten Nieren arbeiten auch noch nach \u00fcber f\u00fcnf Jahren einwandfrei. Doch der Gesetzgeber hat der Lebendspende enge ethische Grenzen auferlegt. So ist eine Spende nur unter nahen Verwandten oder Paaren mit enger pers\u00f6nlicher Bindung, und auch nur unter Ausschluss eines kommerziellen Hintergrunds, m\u00f6glich. Damit will der Staat dem organsierten Organhandel vorbeugen.<\/p>\n<p><\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\">Die Vorgeschichte der Organspende, \u00fcber dich ich berichten will, beginnt schon sehr fr\u00fch. Der heute 30-j\u00e4hrige Neffe verf\u00fcgt schon von Geburt an \u00fcber nur eine funktionsf\u00e4hige Niere. In der verbleibenden Niere kommt es dann einige Jahre sp\u00e4ter ebenfalls zur Fehlfunktion. Der junge Erwachsene wird zum Dialysepatient. Au\u00dferdem meldet er sich bei Eurotransplant, doch von dort hei\u00dft es, er habe in absehbarer Zeit keine Chance auf ein Spenderorgan. Also geht der Patient weiterhin zur Dialyse, drei Mal die Woche, f\u00fcnfeinhalb Jahre lang. Dann kommt den Familienmitgliedern die Idee einer Lebendspende in den Sinn. Sofort lassen sich seine Geschwister und seine Eltern testen, doch die Ergebnisse sind ern\u00fcchternd. Keines der Organe passt mit den Oberfl\u00e4chenstrukturen der kranken Niere zusammen. Als nach sechs Monaten die Tante des Patienten von den Geschehnissen erf\u00e4hrt l\u00e4sst sie sich sofort auch testen. Dazu f\u00e4hrt die Frau mehrmals zu Voruntersuchungen und ausf\u00fchrlichen Beratungsgespr\u00e4chen nach Heidelberg. Die Untersuchungen ergeben: Die Niere der kerngesunden Frau eignet sich perfekt zur Transplantation an ihren kranken Neffen. Damit ist der Weg frei f\u00fcr den n\u00e4chsten Schritt.<\/p>\n<p><\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\">Die \u00e4ltere Dame muss vor einer Ethikkommission in Karlsruhe aussagen. Dort soll festgestellt werden, ob es sich bei der Spende nicht um Missbrauch handelt. In einer zweist\u00fcndigen verh\u00f6r\u00e4hnlichen Befragung erz\u00e4hlt sie \u00fcber ihrer pers\u00f6nlichen Beweggr\u00fcnde und versichert der Kommission, dass die Transplantation unentgeltlich stattfindet. Als pers\u00f6nliche Gr\u00fcnde nennt sie die enge famili\u00e4re Bindung mit ihrem Neffen und die Hoffnung seine Lebensqualit\u00e4t nachhaltig und deutlich zu verbessern. So vergeht fast ein ganzes Jahr von der ersten Entscheidung zur Untersuchung bis zum Tag der Operation. Die Transplantation findet am 15.12.2015 in der Uniklinik Heidelberg statt. Bereits sieben Tage sp\u00e4ter wird die Spenderin wieder entlassen. Negative Folgen hat die Operation f\u00fcr sie keine und sie muss auch keine Medikamente nehmen. Lediglich eine 17,5 cm gro\u00dfe Narbe und das gl\u00fcckliche Gesicht ihres Neffen erinnern sie heute noch an die Transplantation.<\/p>\n<p><\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\">Ihr Neffe nimmt noch Medikamente zur Immunsuppression, doch die Niere arbeitet einwandfrei, voraussichtlich noch \u00fcber zehn Jahre lang. Mit seiner neuen Niere kann er endlich wieder in Urlaub fahren und an gemeinsamen Unternehmungen teilhaben. Fragt man die Beiden danach, wem die Niere nun eigentlich geh\u00f6rt, antwortet die Frau mit einem L\u00e4cheln, es handele sich um ,,meine, deine, unsere Niere.&#8220; Das Verh\u00e4ltnis der beiden hat sich seit der Operation nicht ver\u00e4ndert, da die Entscheidung zur Lebendspende eine absolut freie war, doch auch die Frau wei\u00df, dass sich viele Menschen nur aufgrund des gesellschaftlichen Drucks letztendlich zur Spende bereit erkl\u00e4ren. F\u00fcr die \u00e4ltere Altenpflegerin, die au\u00dferdem noch im Besitz eines Organspendeausweises ist, hat die Lebendspende jedoch noch einen weiteren Vorteil: Sollte sie jemals in die Position kommen, selbst ein Spenderorgan zu ben\u00f6tigen, hat sie als Empf\u00e4ngerin bei einem Nierenversagen nach ihrer Lebendspende absolute Priorit\u00e4t bei der Vergabe eines Listenorgans. Doch wir hoffen wahrscheinlich alle, dass es nicht soweit kommen wird.<\/p>\n<p><\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\">Dieses Gespr\u00e4ch hat auch mich selbst sehr nachdenklich gestimmt. Bis jetzt habe ich mir nicht viele Gedanken \u00fcber Organspende gemacht. Ich besitze weder einen Organspendeausweis, noch ist eines meiner Familienmitglieder auf eine Lebendspende angewiesen. Doch wie w\u00fcrde ich mich verhalten, wenn mich ein naher Verwandter um eine Lebendspende bittet? Bei meinen \u00dcberlegungen bin ich dann bald darauf bei dem Punkt angelangt, dass es fast unm\u00f6glich ist so etwas im Vorfeld zu er\u00f6rtern und pers\u00f6nlich zu entscheiden. Die Situation ist so komplex, dass ich es nicht vorherzusagen vermag, ob ich generell zu einer Spende bereit w\u00e4re oder nicht. Bei einer Lebendspende opfert man wortw\u00f6rtlich Teile seines K\u00f6rpers, um einem Mitmenschen zu helfen. Eine sehr lobenswerte Einstellung, wenn man w\u00fcsste, dass eine Transplantation dem anderen Menschen mit absoluter Sicherheit hilft. Doch wie w\u00fcrde ich meine Entscheidung r\u00fcckblickend betrachten, wenn die Operation ein Fehlschlag wird und ich durch den Eingriff langzeitig beeintr\u00e4chtigt werde, w\u00e4hrend der Empf\u00e4nger gleichzeitig keinen Nutzen von der Spende erh\u00e4lt, weil das Organ abgesto\u00dfen wird? Vermutlich lie\u00dfe sich diese Entscheidung psychisch besser verkraften als der Tod eines Angeh\u00f6rigen aufgrund eigener m\u00f6glicherweise irrationaler \u00c4ngste. Trotzdem ist dieses Szenario meiner Meinung nach eine schauerliche Vorstellung. Ich hoffe deshalb inst\u00e4ndig mich nicht eines Tages in diesem Dilemma wiederzufinden, mich f\u00fcr oder gegen eine Lebendspende entscheiden zu m\u00fcssen.<\/span><\/div>\n<p> <\/p>\n<div style=\"text-align: right;\"><span style=\"font-size: 11pt; line-height: 115%; font-family: Calibri;\"><span style=\"font-size: 11pt; line-height: 115%; font-family: Calibri;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 8pt;\">Michel Semar, (MSS 12)\/MEI, 7,16<\/span><br \/><\/span><\/span><\/div>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: 11pt; line-height: 115%; font-family: Calibri;\">&nbsp;<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Unterrichtsbesuch zum Thema Organspende<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[511],"tags":[],"class_list":["post-4336","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelle-berichte-ereignisse-aus-dem-schulleben"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4336","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4336"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4336\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4336"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4336"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4336"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}