{"id":4231,"date":"2015-07-29T07:13:52","date_gmt":"2015-07-29T05:13:52","guid":{"rendered":"http:\/\/schulebza.de\/gymnasiumneu\/2015\/07\/29\/fuer-die-waren-wir-ungeziefer\/"},"modified":"2015-07-29T07:13:52","modified_gmt":"2015-07-29T05:13:52","slug":"fuer-die-waren-wir-ungeziefer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/2015\/07\/29\/fuer-die-waren-wir-ungeziefer\/","title":{"rendered":"\u201eF\u00fcr die waren wir Ungeziefer&#8220;"},"content":{"rendered":"<p> <\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\">\u201eWas hat sie all die Jahre in der Haft, bei all den Misshandlungen und der Folter durchhalten lassen&#8220;, fragt eine Sch\u00fclerin des Leistungskurses Geschichte des Jahrgangs 12 des Gymnasiums im Alfred-Grosser-Schulzentrum Bad Bergzabern den DDR-Fl\u00fcchtling und sp\u00e4teren Fluchthelfer Wolfgang Welsch. \u201eDie einen haben einen starken Charakter, die anderen einen weniger starken&#8220;, antwortet der 71-J\u00e4hrige. Er wird sp\u00e4ter noch oft darauf zur\u00fcckkommen, dass es den Mitarbeitern der Staatssicherheit (Stasi), des Inlandsgeheimdienstes der DDR, darum ging, Menschen zu brechen. \u201eManche haben sich umdrehen lassen, haben gesagt: \u00b4Ja, ich will wieder ein wertvoller B\u00fcrger dieses sozialistischen Staates sein\u00b4&#8220;, erz\u00e4hlt Welsch. Aber seine Mutter sei aus Ostpreu\u00dfen, \u201eda hat man einen Dicksch\u00e4del&#8220;, sagt er. \u201eJe mehr ich geschlagen wurde, desto mehr dachte ich: \u00b4Jetzt erst recht!\u00b4&#8220;, sagt er und sp\u00e4testens bei diesem Teil seines Vortrages h\u00f6ren alle 18 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sowie die Lehrer trotz des schw\u00fcl-hei\u00dfen Vormittags ganz genau zu. Einer fragt: \u201eWie muss man sich die Folter denn konkret vorstellen? Wie im Mittelalter?&#8220; Wolfang Welsch beschreibt, wie er auf einen Hocker steigen musste und an ein Gitter gekettet wurde. Dann wurde der Hocker weggetreten. Die Handschellen schnitten ins Fleisch. Der W\u00e4rter habe ihn dann mit einem Schlagstock in die empfindlichen Seiten, in Leber und Milz geschlagen, bis er ohnm\u00e4chtig wurde. \u00c4rztliche Versorgung gab es trotz schwerer Verletzungen nie. \u201eDie W\u00e4rter sahen aus wie ganz normale Menschen, aber wir waren f\u00fcr die nur Ungeziefer. Die waren v\u00f6llig ideologisiert&#8220;, berichtet er. Nie habe einer mit ihnen gesprochen, nie habe einer Mitleid gezeigt. Auf den Gef\u00e4ngnisg\u00e4ngen habe es Ampeln gegeben, die daf\u00fcr sorgten, dass sich blo\u00df nicht zwei Gefangene begegnet w\u00e4ren. \u201eDas h\u00e4tte dir in der Einzelhaft Kraft f\u00fcr Wochen gegeben&#8220;, sagt Wolfgang Welsch.<\/span><\/div>\n<p> <\/p>\n<div><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\"><img decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-4229\" style=\"display: block; margin-left: auto; margin-right: auto;\" src=\"http:\/\/schulebza.de\/gymnasiumneu\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Welsch_3.jpg\" alt=\"Welsch 3\" width=\"600\" height=\"358\" srcset=\"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Welsch_3.jpg 640w, https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Welsch_3-300x179.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/span><\/div>\n<p> <\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\"><br \/>\u201eSo bist du aber auf dich selbst zur\u00fcckgeworfen. Ich habe Gedichte rezitiert&#8220;, sagt er. Auf winzigen selbst hergestellten Papieren, die er z.B. in Streichholzschachteln versteckte, schrieb er Gedanken auf. Eine seiner schlimmsten Erfahrungen in der Haft sei eine Scheinhinrichtung gewesen. Bis zum letzten Moment habe er geglaubt, er werde gleich wirklich erschossen.<\/p>\n<p><\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\">\u201eWir haben es schlie\u00dflich \u00fcberlebt, zumindest k\u00f6rperlich&#8220;, sagt Welsch. Ohne Folgen blieb die brutale Haft nicht. \u201eAls ich 1971 in den Westen durfte, wollte ich wieder als Schauspieler arbeiten&#8220;, erz\u00e4hlt der ehemalige politische H\u00e4ftling. Er habe nach erfolgreichem Vorsprechen sogar gleich drei Engagements erhalten. \u201eAber als ich dann in der ersten Probe auf der B\u00fchne stand, kam kein Ton raus&#8220;, sagt Wolfgang Welsch. Er habe eine Sprachblockade gehabt und seitdem nicht mehr als Schauspieler arbeiten k\u00f6nnen. Im Westen habe er au\u00dferdem kaum \u00fcber seine Erfahrungen in der DDR reden k\u00f6nnen, denn in den 70er-Jahren sahen viele Linksintellektuelle die DDR noch als Alternative zum Westen. \u201eMir h\u00e4tte keiner geglaubt&#8220;, sagt Wolfgang Welsch.<\/p>\n<p><\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\">Mit einem Mitstudenten, der auch aus der DDR stammte, baute Wolfgang Welsch dann eine Fluchthilfeorganisation f\u00fcr DDR-B\u00fcrger auf. \u201eJemand hat unser System mal genial genannt&#8220;, sagt er. Echte westdeutsche P\u00e4sse verhalfen den Ostb\u00fcrgern zur Flucht, indem sie sich im Ostblock als eingereiste Westler ausgeben konnten.<\/p>\n<p><\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\">Welsch wurde deshalb auch im Westen von der Stasi verfolgt. Ein enger Freund war Mitarbeiter der Stasi und war in mehrere Mordanschl\u00e4ge, unter anderem mit Scharfsch\u00fctzen und Gift, eingeweiht. Mit viel Gl\u00fcck \u00fcberlebte Welsch. Der DDR-Regimegegner kam am zweiten von vier Tagen f\u00e4cherverbindenden Unterrichts. Dabei ging es um die Wende 1989, das Leben in der DDR und die Wiedervereinigung. Der Leiter des Leistungskurses Geschichte, Stefan Bingler, Ethiklehrerin Dr. Annette Kliewer und Geschichtslehrer Markus Vollstedt hatten sich zusammengetan, um das Leben in einer Diktatur, sowie Flucht und Revolution zu thematisieren. Annette Kliewer hatte z.B. mit den Sch\u00fclern besprochen, ob Fluchthilfe auch mit Blick auf die Schlepperbanden im Mittelmeer generell zu rechtfertigen sei. Als Ergebnis ihrer Arbeit produzierten die Sch\u00fcler ein filmisches Interview mit Wolfgang Welsch sowie Audioguides zu einer Plakatausstellung zu DDR-Geschichte und friedlicher Revolution.<\/p>\n<p><\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\">Am Mittwochmorgen, vor dem Besuch von Wolfgang Welsch, wurden die Sch\u00fcler noch zum Thema informiert: \u201eWiderstand gab es all die Jahre der DDR&#8220;, sagt Wolfgang Welsch. \u201eDer Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 war Trauma f\u00fcr die Regierung der DDR bis zum Schluss. Die hatten immer Angst, dass das Volk sich wehrt.&#8220; Dabei sei Freiheit immer das Wichtigste gewesen. \u201eDie Mauer war eine Grenze, die gegen die eigene Bev\u00f6lkerung gerichtet war. Sie war keine normale Grenze zur Verteidigung gegen \u00e4u\u00dfere Feinde&#8220;, sagte Niels Dehmel von der Deutschen Gesellschaft (in Zusammenarbeit mit der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Friede-Springer-Stiftung) vor dem Besuch von Wolfgang Welsch. So habe man die Grenze von Westen her deutlich leichter \u00fcberwinden k\u00f6nnen als von Osten her. Es habe bis zu zehn Hindernisse gegeben, zum Beispiel einen KFZ-Graben, in den Autos hineinfuhren, bevor sie \u00fcberhaupt die Mauer erreichten. Unmittelbar hinter der Mauer h\u00e4tten die DDR-Grenzsoldaten regelm\u00e4\u00dfig die Erde aufgelockert, um Fu\u00dfspuren sofort zu erkennen &#8211; \u201eund das auf 160 Kilometer L\u00e4nge&#8220;, erz\u00e4hlte der Berliner Niels Dehmel. \u201eEs gab sogar einen Plan \u201eMauer 2000&#8243;, mit dem der Grenzwall modernisiert und digitalisiert werden sollte. Die DDR-Staatssicherheit sorgte auch mit gezielt gestreuten Ger\u00fcchten \u00fcber angebliche Schwachstellen in der Mauer daf\u00fcr, dass sich die Fl\u00fcchtlinge lenken und leichter verhaften konnte.<\/span><\/div>\n<div><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\"><img decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-4230\" style=\"display: block; margin-left: auto; margin-right: auto;\" src=\"http:\/\/schulebza.de\/gymnasiumneu\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Welsch_1.jpg\" alt=\"Welsch 1\" width=\"600\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Welsch_1.jpg 576w, https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Welsch_1-300x200.jpg 300w, https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Welsch_1-570x380.jpg 570w, https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Welsch_1-380x254.jpg 380w, https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Welsch_1-285x190.jpg 285w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/span><\/div>\n<p> <\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\"><br \/>Dabei betonte Dehmel, dass sowohl der Mauerbau 1961 als auch der Mauerfall 1989 Ergebnisse einer langen Vorgeschichte waren. Die Mauer begann schon 1948 mit einem wei\u00dfen Strich quer durch Berlin; lange vor 1961 kamen dann Stacheldraht und zunehmende Befestigungen. Auch 1989 habe sich entschieden, was in den Jahren zuvor vorbereitet worden war. Niels Dehmel erkl\u00e4rte den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern, wie bei den Kommunalwahlen im Mai 1989 zum ersten Mal durch Nachz\u00e4hlen zum ersten Mal die systematische Wahlf\u00e4lschung in der DDR bewiesen werden konnte. Auch freie Meinungs\u00e4u\u00dferung sei nicht m\u00f6glich gewesen. Aber in den 80er-Jahren h\u00e4tten die Menschen einen zunehmend realistischen Blick auf ihre Situation gewonnen. Au\u00dferdem habe der damalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow wesentlich zur Wende beigetragen. Dehmel gab dann einen \u00dcberblick \u00fcber den Verlauf der friedlichen Revolution 1989 von den ersten Grenz\u00f6ffnungen in Ungarn bis hin zur versehentlichen Grenz\u00f6ffnung durch G\u00fcnter Schabowski im November 1989.<\/p>\n<p><\/span><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt; line-height: 1.3em;\">Am Ende des Schultages waren trotz der Hitze sowohl Sch\u00fcler als auch Lehrer beeindruckt.<\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\"><br \/><strong>Wolfgang Welsch<\/strong><\/p>\n<p><\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\">\u201eIch bin ein Mann des Widerstands&#8220;, sagt Wolfgang Welsch (*1944). Er wurde Schauspieler, wollte aber weg aus der DDR. Sein Fluchtversuch 1964 scheiterte. Anschlie\u00dfend wurde er insgesamt sieben Jahre in DDR-Gef\u00e4ngnissen gefoltert und misshandelt. Er konnte Botschaften \u00fcber sein Schicksal nach drau\u00dfen schmuggeln, die im Westen Aufmerksamkeit erregten. 1971 wurde er gemeinsam mit anderen politischen H\u00e4ftlingen auf Initiative des westdeutschen Bundeskanzlers Willy Brandt (SPD) freigekauft. Im Westen half er rund 200 DDR-B\u00fcrgern bei der Flucht. Die Staatssicherheit (Stasi), der ostdeutsche Inlandsgeheimdienst, verfolgte ihn daraufhin auch im Westen. Er \u00fcberlebte mehrere Mordanschl\u00e4ge nur knapp; unter anderem versuchte ein enger Freund, der heimlich f\u00fcr die Staatssicherheit arbeitete, ihn zu vergiften. Welsch verarbeitete seine Erfahrungen in dem Buch \u201eIch war Staatsfeind Nr. 1&#8243;, das unter dem Titel \u201eDer Stich des Skorpion&#8220; 2004 verfilmt wurde.<\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: right;\"><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 8pt;\">VOL, 7\/15<\/span><\/p>\n<hr \/>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif; font-size: 10pt;\">Wolfgang Welsch, in der DDR Staatsfeind, sp\u00e4ter Fluchthelfer, von der Stasi gefoltert und mit Mordanschl\u00e4gen verfolgt, war am Mittwoch, 14.7. am Gymnasium Bad Bergzabern<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[657],"tags":[],"class_list":["post-4231","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-657"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4231","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4231"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4231\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4231"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4231"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4231"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}