{"id":3682,"date":"2012-02-09T14:46:56","date_gmt":"2012-02-09T13:46:56","guid":{"rendered":"http:\/\/schulebza.de\/gymnasiumneu\/2012\/02\/09\/heimaturlaub\/"},"modified":"2012-02-09T14:46:56","modified_gmt":"2012-02-09T13:46:56","slug":"heimaturlaub","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schulebza.de\/gymnasium\/2012\/02\/09\/heimaturlaub\/","title":{"rendered":"Heimaturlaub"},"content":{"rendered":"<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\"><b>Joachim Geil: Heimaturlaub<\/b><\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\"><b><br \/><\/b><\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\"><b>von G\u00fcnther Volz<\/b><\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\"><b><br \/><\/b><\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">Der Leutnant Dieter Thomas kommt im Sommer 1944 aus einem Wiener Lazarett in das St\u00e4dtchen Bergzabern. Auf Urlaub in der Heimat, auf Urlaub von der Front. Und 1944 ist auch die Heimat zur Front geworden. \u201eWillkommen an der Heimatfront!\u201c begr\u00fc\u00dft Gustav seinen Neffen Dieter.<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">Was Dieter in seinem Urlaub gemacht und erlebt hat, das m\u00f6chte der Erz\u00e4hler herausfinden. Er tr\u00e4gt nun Daten und Fakten zusammen, um die Geschehnisse in diesem Sommer zu rekonstruieren. Er findet eine Kiste mit Dutzenden von Briefen, die Dieter an seine Verwandten in Bergzabern geschrieben hat. Wie ein Archivar ordnet und registriert er die Dokumente. Er bl\u00e4ttert in den Zeitungen von 1944, studiert die Leitartikel wie die Nachrichten und den Wehrmachtsbericht. Er interviewt am Ende eine Reihe von Zeitgenossen. Er arbeitet im Grunde wie ein Historiker. Alle Daten bekommen eine Ordnung, ergeben ein Bild. Seine Darstellung sollte doch authentisch sein, sagt er sich.<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">Das ist der Plot des Romans:<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">Das St\u00e4dtchen Bergzabern hat im Juni 1944 noch keine Sch\u00e4den erlitten; doch der Alltag der Bewohner ist vielen Einschr\u00e4nkungen unterworfen. Die Verwandten umsorgen und verw\u00f6hnen den Urlauber, der Narben an Leib und Seele hat. Allm\u00e4hlich werden ihm die Spannungen deutlich, die sich in der Familie aufgebaut haben. Der eine Pol ist der Gro\u00dfvater Eugen, ein alter liberaler Pfarrer, der den Tod seines Sohnes im 1. Weltkriege nie verwunden hat. Er sieht kein Heil von dem Manne kommen, der das Reich zu neuer Gr\u00f6\u00dfe f\u00fchren will. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Der andere Pol ist der Onkel Gustav. Verwundet ist er aus dem Weltkrieg gekommen. Er sinnt auf Revanche f\u00fcr die Schmach, die das Vaterland 1918 erlitten hat. F\u00fcr ihn ist 1933 der Messias erschienen.<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">Was Dieter vor allem erwartet, ist die Begegnung mit Heidi. Er kennt sie schon so lange, als Kinder spielten und badeten sie miteinander. Inzwischen ist sie ein Fr\u00e4ulein geworden. Heidi ist die Tochter eines Majors, der als Reichsdeutscher 1918 das Elsass verlassen musste. Er spielte eine f\u00fchrende Rolle in dem Kriegerverein des St\u00e4dtchens. Den braunen Machthabern sollte er wie der greise Mackensen als Staffage dienen. Heidi ist das Idealbild von einem deutschen M\u00e4dchen. Sie bekommt Beifall von dem Major und den Parteigr\u00f6\u00dfen des Ortes, als sie aus den \u201eStahlgewittern\u201c von Ernst J\u00fcnger vorliest.<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">\u201eDer Mensch ist dem Material \u00fcberlegen, wenn er ihm die gro\u00dfe Haltung entgegenzustellen hat, und kein Ma\u00df und \u00dcberma\u00df der \u00e4u\u00dferen Gewalten ist denkbar, dem die seelische Kraft nicht gewachsen w\u00e4re.\u201c<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">Warum hat sie diese Stelle mit solchem Nachdruck vorgelesen? Dieter ist nicht f\u00e4hig, den Schluss aus diesem Satz zu ziehen. Die Tochter des Majors ist von keinem Zweifel angekr\u00e4nkelt. Sie sieht in Dieter den Helden, der das Abendland gegen die Bolschewisten verteidigt. Den Ostlandritter, der in den Balladen der Agnes Miegel auftaucht. Diese Ritter erf\u00fcllen auf dem russischen Schlachtfelde eine g\u00f6ttliche Sendung. In ihren Tr\u00e4umen reitet Heidi schon mit ihrem Helden \u00fcber die unendlichen Weiten des Ostens. Doch ihr Held ist bei dem ersten Liebesspiel ein kl\u00e4glicher Versager.<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">Als Dieter in den Armen der Freundin liegt, blockieren ihn die Erinnerungen an Maschenka, an ein russisches M\u00e4dchen und ihr grausames Ende. Er hat einen Menschen get\u00f6tet. War es T\u00f6tung auf Verlangen? War es T\u00f6tung aus Erbarmen? Jedenfalls ist er schuldig geworden. Die harmlosen Freizeitvergn\u00fcgungen werden mehr und mehr von Schreckensvisionen \u00fcberlagert. Sein Bewusstsein erf\u00fcllen immer wieder m\u00f6rderische Gedanken. Furien tauchen auf wie in einem antiken Drama. Der breite Erz\u00e4hlfluss in dem Roman wird zum furiosen Duktus.<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">Am Ende des Urlaubs sucht Dieter das Grab der Mutter auf. Er findet nicht den inneren Frieden, sondern ger\u00e4t in einen qu\u00e4lenden Zwiespalt.<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">\u201eHabe die Uniform weggeworfen, habe ich nicht. Bin nach Hause gegangen, bin ich nicht, und habe ein paar Wochen gewartet, habe ich nicht. Dann war der Krieg aus, war er nicht.\u201c<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">Wird er weiter dem Teufel dienen, wie der Gro\u00dfvater sagt. \u2013 Wird er in den Kampf wie in einen Gottesdienst hineingehen, wie der Chefpropagandist Hitlers verlautete. Sch\u00f6pft der Onkel Gustav Verdacht, als er ohne Uniform vor ihm steht? Dieter muss bef\u00fcrchten, dass ihn der Onkel denunzieren wird, wie er den Gro\u00dfvater denunziert hat. Volksverr\u00e4ter und Wehrkraftzersetzer &#8211; Elemente, die der Volksgenosse zu melden hat. Als Dieter vom Friedhof zur\u00fcckkommt, zieht ein schweres Gewitter auf. Es ist schlimm, wenn es aus dem Wei\u00dfenburger Loch kommt, wei\u00df Onkel Gustav. Es erscheint wie der Vorbote des Unheils, das schon bald \u00fcber die Heimat hereinbrechen wird. Wie sich Dieter entscheidet, er ger\u00e4t zwischen die Fronten.<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">Der Gedanke an Fahnenflucht ist weggewischt. Er wird nicht zum Deserteur wie der Schriftsteller Alfred Andersch, der in Etrurien die Freiheit w\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">Der Ich-Erz\u00e4hler stellt an das Ende des Romans die letzten Briefe, die er bei seinen Recherchen vorgefunden hat. Am 19. August 1944 schreibt Dieter den Gro\u00dfeltern, dass er wieder bei seinen alten Kameraden an der Ostfront angekommen ist. Nur drei Tage sp\u00e4ter ist der Leutnant Dieter Thomas den Heldentod f\u00fcr Deutschlands Zukunft gestorben, wie ein Milit\u00e4rarzt den Eltern schreibt. Er ist auf dem Heldenfriedhof in Radom mit allen milit\u00e4rischen Ehren beigesetzt.Der Leser wird sicherlich die Frage aufwerfen, inwieweit die Darstellung in dem Roman \u201eHeimaturlaub\u201c authentisch ist. Er m\u00f6chte wissen, wer sich hinter dieser oder jener Figur verbirgt. Der Referent m\u00f6chte vor dieser Art der Betrachtung warnen. Der Schriftsteller ist in keiner Weise an die Fakten gebunden, die er vorfindet. Er schildert, wie die Welt sein k\u00f6nnte oder sein sollte. Es ist jedoch nicht auszuschlie\u00dfen, dass eigene Erfahrungen und Erkenntnisse bewusst oder unbewusst in sein Werk einflie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">Es mag auf den ersten Blick erstaunen, dass ein Autor des Jahrgangs 1970 Ereignisse aus dem letzten Kriegsjahr in der Pf\u00e4lzer Provinz thematisiert. Er k\u00f6nnte wie andere Nachgeborene die \u201eGnade der. sp\u00e4ten Geburt\u201c in Anspruch nehmen. Das hei\u00dft f\u00fcr viele im Grunde: Was habe ich mit diesen Geschehnissen zu schaffen? F\u00fcr ihn jedoch gilt, was der Philosoph George Santayana formuliert hat: \u201eWer sich nicht seiner Vergangenheit erinnert, der ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.\u201c<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">Mehr sei nicht vorweggenommen, denn Sie sollten den Autor h\u00f6ren und letzten Endes den Roman lesen.<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">Joachim Geil, Jahrgang 1970, Abitur am Gymnasium Bad Bergzabern, Theater-AG&#8230;<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">Es war nur konsequent, dass Joachim das Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft in K\u00f6ln begann. Das Thema seiner Magisterarbeit war: Egon Wilden \u2013 Maler und B\u00fchnenbildner.<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">Als Kurator wirkte er bei verschiedenen Ausstellungsprojekten in D\u00fcren und K\u00f6ln, vor allem \u00fcber das Schaffen von Theaterleuten wie Sellner und Wunderwald oder Maler Wie Josef Ferdinand Seitz.<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">Aus seiner Feder stammen Drehb\u00fccher f\u00fcr Filme und H\u00f6rspiele.<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">\u201eOhne mich\u201c ist der Arbeitstitel eines Films \u00fcber das Schicksal eines \u00dcberlebenden der Shoa, dessen Drehbuch nun vorliegt.<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">Zurzeit arbeitet Joachim Geil als Lektor eines K\u00f6lner Verlags.<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">\u201eHEIMATURLAUB\u201c ist der erste Roman des Autors. Er erscheint bei Steidl, das ist ein kleiner und renommierter Verlag, zu seinen Autoren z\u00e4hlen z. B. G\u00fcnter Grass und Erich Loest.<\/p>\n<p style=\"font: normal normal normal 11px\/normal Helvetica; margin: 0px;\">\u201eHeimaturlaub\u2018\u201c ist ein erster gro\u00dfer Wurf, dem weitere folgen sollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joachim Geil: Heimaturlaub von G\u00fcnther Volz Der Leutnant Dieter Thomas kommt im Sommer 1944 aus einem Wiener Lazarett in das St\u00e4dtchen Bergzabern. Auf Urlaub in der Heimat, auf Urlaub von der Front. Und 1944 ist auch die Heimat zur Front geworden. \u201eWillkommen an der Heimatfront!\u201c begr\u00fc\u00dft Gustav seinen Neffen Dieter. 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